Rede von Bürgermeister Götz am
9. November 2008 in der ehemaligen Synagoge in Haigerloch

Sehr geehrte Damen und Herren!

Wir haben uns heute versammelt, um an das Novemberpogrom von 1938 zu erinnern, an das Leid, das der jüdischen Bevölkerung angetan wurde, und an den nationalsozialistischen Rassenwahn, der sich in jener Nacht vom 9. auf den 10. November brutal Bahn brach. Uberall in Deutschland brannten Synagogen, überall in Deutschland wurden die Scheiben jüdischer Geschäfte und Wohnungen eingeschlagen, überall in Deutschland wurden Juden verhaftet und ermordet.
Das Pogrom war ein einziger Alptraum für die jüdischen Deutschen, auch bei uns in Haigerloch. Hier in dieser ehemaligen Synagoge wurden von ca. 45 SA-Leuten sämtliche Fenster eingeschlagen, die Türen eingedrückt und die gesamte Einrichtung demoliert. An weiteren 16 Gebäuden im Haag wurden Scheiben demoliert.
Dieser Terror traf Menschen, die sich nichts hatten zuschulden kommen lassen, er traf Menschen, die in Haigerloch zu Hause waren, hier wie alle anderen ihrer Arbeit nachgehen wollten und sich vielfach rege am politischen oder kulturellen Leben beteiligt hatten. Sie alle wurden allein deshalb verfolgt, weil sie Juden waren.
Das Novemberpogrom machte auch dem Letzten klar, dass die antisemitischen Hetzreden der Nazis kein Gerede, sondern blutiger Ernst waren. Es ließ keinen Zweifel, dass die Diskriminierung der Juden, die sogleich nach der Machtübernahme der Nazis im Januar 1933 eingesetzt hatte, auch vor Gewaltexzessen und Massenmord nicht zurückschreckte.
Die Geschehnisse des 9. November waren für viele deutsche Jüdinnen und Juden ein Schock. Sie mussten erleben, dass sie buchstäblich an Leib und Leben bedroht waren. Viele betrieben nun verzweifelt und entschlossen ihre Emigration. Für viele wurde es eine Rettung in letzter Minute. Millionen anderen deutschen und europäischen Jüdinnen und Juden blieb ein solcher Ausweg versagt. Sie fielen dem Rassenwahn und der Mordmaschinerie der Nazis zum Opfer.
Das Novemberpogrom, lange verharmlosend „Reichskristallnacht“ genannt wegen der vielen zersplitterten Glasscheiben, das Novemberpogrom geschah auf Anordnung der obersten Naziführung und vollzog sich in aller Öffentlichkeit. Beteiligt an den Ausschreitungen waren jedoch nur wenige, die Befehle wurden vor allem von NSdAP-, SA- und SS-Mitgliedern ausgeführt.
Aber mitbekommen hatten es alle. Brennende Synagogen, zerborstene Schaufenster, abgeführte Juden sind nicht zu übersehen. Vermutlich waren es gar nicht mal wenige, die das Pogrom entsetzlich oder zumindest nicht richtig fanden. Doch die meisten schwiegen – aus Angst vielleicht oder Einschüchterung – und wandten sich ab.
Was „das Böse benötigt, um zu triumphieren“, hat Kofi Annan, der ehemalige Generalsekretär der Vereinten Nationen, einmal festgestellt, „ist das Schweigen der Mehrheit“.
Gedenken, meine Damen und Herren, bedeutet, die Vergangenheit wieder sicht- und greifbar zu machen, selbst beziehungsweise gerade für jene, die sie nicht selbst erlebt haben. Deshalb rufen wir heute die Geschehnisse der Pogromnacht von 1938 ins Gedächtnis. Wir erinnern an das Leid und den Schmerz, den unsere jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger erfuhren; wir stellen dar, wie das NS-Regime funktionierte. Denn diese Zeit ist für viele der heute Lebenden längst Geschichte.
Wir gedenken heute eines Tages, an dem die Würde und die Rechte unserer jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger mit Füßen getreten wurden. Wir empfinden Trauer, Entsetzen und Scham angesichts dessen, was vor 70 Jahren in unserem Land geschah. Und wir empfinden die Verpflichtung, die daraus für unsere Gegenwart erwächst.
Niemand spricht heute Lebende schuldig; überall auf der Welt wird anerkannt, dass Deutschland sich seiner Vergangenheit gestellt und sich einer anderen Politik verschrieben hat. Aber so wie der Mauerfall am 9. November 1989 zu unserer Geschichte gehört, so gehört auch das Pogrom vom 9. November 1938 dazu. Wir können die NS-Zeit nicht ausblenden – die Opfer und ihre Nachfahren können es auch nicht.
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.