Ansprache von Bürgermeister Götz am 01.06.2008 im Gottesdienst der evangelischen Kirchengemeinde zum Thema „Alt werden in Haigerloch“

Liebe Gemeinde.

"Alter ist nur eine Zahl" - diese Aussage ist korrekt, denn alt sein ist keine Frage der Anzahl der Lebensjahre. Es beginnt auch nicht mit dem Ruhestand. Fakt ist zwar: jeder Mensch wird älter. Sowohl körperliche Anstrengung als auch geistige Belastung hinterlassen ihre Spuren. Selbst Langeweile und Routine zehren an der Substanz.
Aber: die Menschen werden heute wesentlich älter als früher. Die durchschnittliche Lebenserwartung nimmt in Deutschland, in Europa mit jedem Jahr zu. Und heute können Männer im Durchschnitt mit 76, Frauen mit 81 Jahren rechnen. Die Gesundheit der älteren ist wesentlich besser. Heute sind siebzigjährige biologisch so gesund und aktiv wie fünfzigjährige vor 35 Jahren. Wenige sind pflegebedürftig. Nur etwas mehr als 2% der über 60 jährigen lebt in Alten- oder Pflegeheimen.
Wer heute in den Ruhestand geht hat durchschnittlich noch mehr als 20 Jahre vor sich in guter körperlicher und geistiger Gesundheit und mit ausreichender Versorgung. Der Ruhestand ist somit keine Restzeit, sondern eine eigenständige, längere Lebensphase. Es ist ein Lebensabschnitt, der zum Teil mehr Freiheit und Möglichkeiten bietet als die Berufs - und Familienphase.

Befragungen haben ergeben, dass in unserer Gesellschaft die Mehrzahl der Menschen negative Vorstellungen vom Alter hat. Ältere gelten als wenig flexibel, krank, pflegebedürftig, vereinsamt und verbittert. Deshalb werden Ältere oft fälschlicherweise  diskriminiert. Man erwartet von ihnen nichts mehr, oder besser: man unterschätzt sie bei weitem. Dieses verbreitete Denken verleitet dazu, auch vom eigenen Alter wenig zu erwarten.
Das biblische Altersbild erscheint mir hingegen realistisch, denn es ist auch positiv und ermutigend. Das Alter gehört zum Plan Gottes für unser Leben. Es ist eine Seite, ein wesentlicher Aspekt unseres persönlichen Lebensplans. Ein langes Leben gibt die Chance, vielfältige Erfahrungen zu sammeln und dadurch Reife und Weisheit zu erlangen. Die körperlichen Kräfte nehmen ab, aber der geistliche Wachstumsprozess sollte auch in der zweiten Lebenshälfte stetig fortschreiten. Dann kann Gott uns besondere Aufträge anvertrauen und die älteren Menschen schließlich als Vollendete heimholen.
Für Gott sind alte und junge Menschen gleichermaßen wertvoll. Auch Alte und schwache Menschen werden von Gott geliebt. In der Bibel erfährt das Alter eine große Wertschätzung. In Psalm 92,14 bis 16 a steht: Die gepflanzt sind im Hause des Herrn werden in den Vorhöfen unsers Gottes grünen. Und wenn sie auch alt werden, werden sie dennoch blühen, fruchtbar und frisch sein, dass sie verkünden, wie der Herr es recht macht.
Gott hat eine intensive Beziehung zu Älteren. Sie sind im sehr wichtig. Gott verheißt uns: Auch bis in euer Alter bin ich derselbe, und ich will euch tragen, bis ihr grau werdet. Ich habe es getan; ich will heben und tragen und erretten. (Jesaja 46,4)
Nicht nur in der bürgerlichen Gemeinde, nein auch in der christlichen Gemeinde werden die Bedürfnisse der älteren Gemeindemitglieder nicht immer ausreichend wahrgenommen. Unsere Aufmerksamkeit richtet sich eher auf Kinder und Jugendliche, als auf die ältere Generation. Wir haben Jugendreferenten, aber keine Altenreferenten.
Der Auftrag der älteren Generation war und ist es, die lebenswichtigen Traditionen zu bewahren und den lebendigen Gottesglauben an die nächste Generation weiterzugeben.

Aus der Bibel erfahren wir, dass Gott viele Menschen im Alter beruft und Ihnen einen neuen Auftrag gibt. Abraham zog im hohen Alter in die Fremde. Mose lebte 40 Jahre in ägyptischem Wohlstand, hütete dann 40 Jahre lang die Schafe seines Schwiegervaters. Dann aber berief ihn Gott, ein ganzes Volk aus der Knechtschaft zu befreien und durch die Wüste zu führen.
Gottes Sicht ist also: das Alter ist die Krönung des Lebens. Das Alter ist die Zeit des Reifens und der Ernte. Wir erhalten dabei auch die Chance, manches, was in unserm Leben falsch gelaufen ist, in Ordnung zu bringen. Ist das nicht eine großartige Ermutigung, viel von unserem Alter zu erwarten?

Schlagen wir die Zeitung auf erfahren wir, dass wir in einer alternden Gesellschaft leben. Von Überalterung nur aufgrund der zunehmenden Langlebigkeit zu sprechen, ist einseitig. Die frühere Bundesministerin für Jugend, Familie, Frauen  Frau Prof. Dr. Ursula Lehr prägte den Begriff der Unterjüngung, welcher durch einen Rückgang der Geburtenzahlen bedingt ist. Schließlich ist das Altern einer Gesellschaft neben der zunehmenden Langlebigkeit auch durch die abnehmenden Geburtenzahlen bedingt.

Die Senioren von morgen werden nicht nur wegen ihres zahlenmäßigen Gewichtes eine größere gesellschaftliche Rolle spielen. Es gilt, den Herausforderungen des demografischen Wandels sinnvoll zu begegnen. Sehen wir darin nicht ein Problem, sondern eine Chance!
Neue Formen der Bildungsfreizeit und Kulturarbeit, die zunehmend auch auf Kommunikation und Begegnung zwischen den Generationen abzielt, sind gefordert. Um diese Angebote bieten zu können, ist es notwendig, die brachliegenden Wissen- und Erfahrungsressourcen jüngerer Alten produktiv zu nutzen. Ein solcher Beitrag älterer Mitbürgerinnen und Mitbürger hilft auch potentielle Generationenkonflikte zu reduzieren. Diese Suche nach neuen Altersrollen zu unterstützen wird zu einer wichtigen Aufgabe unserer kommunalen Seniorenpolitik.
Durch bürgerschaftliches Engagement gelingt einmal eine Gestaltung des Alters für den Einzelnen selbst. Es geht dabei um einen Beitrag Älterer für die Gesellschaft. Unsere Gesellschaft braucht heute das Engagement und den Einsatz der Seniorinnen und Senioren in vielen Bereichen unseres täglichen Lebens.
Durch diese Aktivitäten ändert sich auch das Altersbild in der Gesellschaft: Anstatt Ältere als Risikofaktoren für die zukünftige Lebensqualität in den Kommunen zu betrachten, werden sie als wertvoller Schatz geschätzt, die das Zusammenleben aller bereichert. Die Lebenserfahrung, die Kompetenz, das Wissen und die Zeit, die Älteren (meistens) zur Verfügung steht, sind als Chance und Motor für gesellschaftliche Veränderungen zu begreifen. Unsere Gesellschaft des langen Lebens braucht das bürgerschaftliche Engagement – nicht als Ersatzleistung für verschiedene Dienste, sondern als Ergänzungsleistung.

Doch auch das Ehrenamt braucht eine „berufsbegleitende“ Weiterbildung. Es braucht Beratung, Erfahrungsaustausch und gegenseitige Ermutigung. Es sollte nicht heißen: Frau X , Herr Y, ist zu allem bereit, aber zu nichts zu gebrauchen.
Das freiwillige Engagement älterer Menschen reicht von Unterstützungsleistungen in der Familie und der Nachbarschaft über freiwillige Aktivitäten  in Sportvereinen, Kirchengemeinden und Politik und sonstige Formen bürgerschaftlichen Engagements bis hin zum traditionellen Ehrenamt.
Ziel muss eine von den Bürgern getragene und von der Kommune unterstützte, breite Sozialinitiative sein, die durch ehrenamtliche Arbeit und Gemeinschaftsprojekte derart integrierend wirkt, dass die dörfliche Gemeinschaft und die Nachbarschaft zum zuverlässigen Rahmen für ein würdevolles Leben der Bürger im Alter wird.
Die Leistungsfähigkeit der vor Ort vorhandenen Strukturen und deren Tragfähigkeit müssen durchsichtig werden. Diese Aufgabe kann nur in Zusammenarbeit mit den bereits jetzt tätigen Gruppierungen und Mitarbeitern erfolgreich gelöst werden.
Als sehr wirkungsvolles Instrument zur Förderung kooperativer lokaler Sozialstrukturen haben sich „organisierte“ Nachbarschaftshilfen bewährt, wie sie in den letzten Jahren bundesweit in zahlreichen Gemeinden gegründet wurden. Mit dem Ziel, alten Menschen und Hilfsbedürftigen bei den Aufgaben des alltäglichen Lebens behilflich zu sein, Einsamkeit zu lindern und sozialen Halt zu geben, sind sie koordinierend tätig zwischen denjenigen, die Hilfe geben können und denen, die Hilfe benötigen. Ob die Hilfe auf Tauschbasis in Zeitbörsen oder gegen eine geringe Aufwandspauschale erfolgt ist zweitrangig, solange die klare Abgrenzung von Ansätzen der Schwarzarbeit und die Koordinierung mit professionellen Pflegediensten gelingt.

Ziel sollte sein, eine Nachbarschaftshilfe in Gang zu setzen und dieser eine möglichst nachhaltige Struktur zu geben, so dass die Hilfeleistenden mit begründetem Vertrauen davon ausgehen können, als Hochaltrige oder bei sonstiger Hilfsbedürftigkeit selbst auf die Nachbarschaftshilfe zurückgreifen zu können.
Die meisten Wohnhäuser, seinerzeit für Familien gebaut, sind für Ein- oder Zweipersonenhaushalte zu groß. In den alten Dorfkernen stehen vermehrt ehemals landwirtschaftlich genutzte Gebäudekomplexe leer. Die hier brachliegenden Möglichkeiten erfordern neue Nutzungs- und Wohnkonzepte, die auch den Bereich „gemeinschaftliches Wohnen im Alter“ einbeziehen sollten.
Wir müssen darauf achten, dass der öffentliche Gebäudebestand, sowie die Wege und Plätze im möglichen Maße behinderten- und seniorengerecht gestaltet werden.

Was halten Sie davon, wenn wir analog zum Jugendbüro ein Seniorenbüro einrichten An dieses Büro könnten sich alle älteren Menschen mit ihren Fragen zur Alltagsbewältigung und die Anbieter von Unterstützungsleistungen wenden. Als zentrale Ansprechstelle könnte das Büro Informationen und Dienstleistungen aus einer Hand anbieten und Vermittlung und Einsatzstelle von Angeboten von Senioren sein.
Verstehen Sie mich richtig. Traditionelle Angebote, wie etwa die klassische Altentagesstätte oder der Seniorennachmittag haben weiterhin eine wichtige Bedeutung, sollten aber um weitere Angebote ergänzt werden.
Lassen Sie uns gemeinsam in einen Planungsprozess einsteigen und einen Altenhilfeplan für Haigerloch auf den Weg bringen.